10 Des Teufels Diskus – Pibuls Sieg
Geschichte - Des Teufels Diskus
Freitag, den 10. Juli 2009 um 22:22 Uhr
V

Wir müssen uns nun ansehen, was in Siam geschehen war, während Ananda in Lausanne aufwuchs während der Jahre, die zum großen Teil durch den Krieg beherrscht wurden, zwischen seinem offiziellen Besuch und dem Empfang des bedeutungsschweren Telegramms.

Als die königliche Familie Bangkok im Janauar 1939 verließ, waren die Ereignisse, die FM Pibul an die Macht gebracht hatten, noch nicht voll ausgereift. Männer, deren Hoffnungen auf Demokratie in Frustration versunken waren, planten eine Rebellion, und als FM Pibul davon erfuhr, nutzte er die Chance, um die Armee von der letzten Opposition gegen ihn zu säubern, wobei er die Behauptung verbreitete, dass das Komplott nur ein Versuch der Monarchisten gewesen wäre, die absolutistische Monarchie wieder einzuführen – eine These, die er untermauerte, in dem er viele Adlige einer beispiellosen Erniedrigung aussetzte, indem er sie in einem normalen Kerker inhaftierte. Es folgten achtzehn Exekutionen und zehn Urteile zu lebenslanger haft, die die Popularität der politischen Gefangenen steigerte. Unter diesen war jetzt auch einer mit Prinzenblut, Anandas Onkel, der künstlerische, lustige und vollkommen unschuldige Prinz Rangsit (1), dessen Namen man sich merken sollte.

FM Pibul stieg ohne Widerstand auf und wurde der unangefochtene „Fürst“ von Siam. Er erreichte nicht nur die komplette Kontrolle über die Armee sondern auch die abschließende Erniedrigung der Monarchisten, und er brachte alle Tendenzen von Abtrünnigkeit zum Schweigen. Die Zivilisten, besonders Pridis Liberale, waren machtlos. Ihre Vertretung in der Versammlung gab einen Anschein von Demokratie zu dem im Grunde faschistischen Regime. Pridi selbst wurde nur aus Gnade für einen Mann geschont, zu dem man einmal wegen seiner Führungsqualität aufgeschaut hatte. Es war das ironische Ergebnis der Fermentation einer Revolution, die durch Pridis Leidenschaft für Demokratie begonnen hatte, und die nun anscheinend die letzten Hoffnungen darauf vernichtete.

Aber Pridi akzeptierte die Situation mit einer erstaunlichen Ruhe und ohne Bitterkeit. So unerforschlich und geduldig wie immer, tat er seine Arbeit in der Regierung, lehrte an seiner UMPS und wartete auf seinen Augenblick.

Er war nun fast achtunddreißig Jahre alt. Es war eine außergewöhnliche Erscheinung, dass er als siamesischer Politiker in sechs Jahren fast ununterbrochener Arbeit für die Regierung noch keinerlei Vermögen angesammelt hatte. Manchmal hatte er sogar über Monate vergessen, am Monatsende sein Gehalt abzuholen, und die netten Erinnerungen seiner Frau hatten erst eine Auswirkung, wenn das Essen auf dem Tisch spärlicher wurde. Zu Beginn ihrer Ehe hatten sie ein Haus auf dem Grundstück ihrer Eltern gebaut. Später baute er ein modernes Haus auf einem Stück Land, das ihnen geschenkt worden war. Er verkaufte seine Gesetzbücher, um zu helfen, die Baukosten zu zahlen. Trotz seiner Vereinnahmung durch die Politik hatte er eine glückliche Familie in erster Linie durch die Mithilfe von Mrs. Pridi, da er an jeder wichtigen Entscheidungen des Landes teil hatte, verblieb ihm wenig Zeit, um sich mit seinen Kindern zu beschäftigen. Davon gab es insgesamt zwei Jungen und vier Mädchen, die meisten davon gingen natürlich zur Universität und ein Mädchen graduierte vom königlichen Musikkolleg für Musik in London.

Ohne Berücksichtigung seiner Studenten, die ihn anbeteten, und die Intelligenzia, die ihm zu Füßen lag, hatte er auch viele Freunde. Einige waren flapsig oder mit ordinärer Ausdrucksweise bis zu dem Punkt einer unsiamesischen Unverblümtheit, was überraschend war, weil er selbst unendlich höflich war und einen altmodischen Respekt vor Älteren hatte. Aber es gibt keine einfache Erklärung für Pridi. Er mochte es, wenn seine Freunde für ein Essen hereinschauten, und oft kochte er den Hauptgang selbst in der Regel nach einem Rezept, das er in Frankreich gelernt hatte. Jedoch gab es da etwas essentiell klösterliches in seinem Benehmen. Er arbeitete ohne Unterbrechung, vermied Partys, machte einen großen Bogen um offizielle Veranstaltungen, soweit er das konnte und trank kaum einmal Alkohol. Er sprach einfach, er lebte einfach. Deswegen und wegen seiner scheuen Wärme in seinem Benehmen, seiner Bereitschaft zu lachen, fühlte sich jeder sofort in seiner Gesellschaft entspannt. Trotzdem ging keine Beziehung über eine leichte Erweichung der Auster. Er blieb unerreichbar.

Es war diese Unerreichbarkeit, die eindrucksvoller als seine bemerkenswert leuchtenden Augen oder die Brillanz seines scharfen Verstandes war, der sich in Französisch und Englisch sowie in Siamesisch ausdrücken konnte, und der zum Magnetismus seiner Persönlichkeit beitrug. Seine Gegner sprachen von einer geheimnisvollen Ambition, die auf der Jagd nach Macht wäre. Seine Anhänger sprachen über seine Leidenschaft und seinen Idealismus. Ich denke, die Fakten werden ein Urteil ziemlich leicht für uns machen, aber ich zweifle daran, dass uns dies näher an die Persönlichkeit bringen wird. Es ist aber beachtlich, dass, obwohl er manchmal Karten spielte, er Schach bevorzugte – was zeigt, dass er spielen konnte, wenn es notwendig war, er aber die Strategie vorzog, wenn er einen Gegner schlagen wollte.

Dieser Gegner war nicht FM Pibul. Es war die Ignoranz und die indifferente Fröhlichkeit der Massen. Er wartete auf den richtigen Zeitpunkt und das Ereignis, um diesen fundamentalen Defekt der demokratischen Sache zu heilen, und in der Zwischenzeit diente er dem Staat. FM Pibul war zufriedengestellt. Wenn die Popularität Pridis unter den Intellektuellen ihn ärgerte, was der Fall war, obwohl er sich selbst zum Dekan der Chulalongkorn Universität gemacht hatte als Retourkutsche auf Pridis Gründung der UMPS, so störte es ihn nicht mehr, als die Macht vollkommen in seinen Händen war: Er konnte es sich leisten, seiner natürlichen Toleranz nachzugeben, solange Pridi keinen feinseligen Schachzug machte.

Er {Pibul} nutzte sein Gehirn besonders in Finanzangelegenheiten: Die Welt bewegte sich in einen Krieg, und Geld musste beschafft werden, um Waffen zu kaufen. Mehr Waffen als man einfach für die Verteidigung Siams brauchte, da FM Pibuls Ambitionen wuchsen. Er hatte ein palastartiges Gebäude als offizielles Hauptquartier, aber er behielt weiter seine Wohnung in der Nähe der britischen Botschaft in Bangkapi am Ende der Alleen neben den ebenso zahlreichen Kanälen bei. Und hier mitten in einer großen und gepflegten Wohnanlage hatte er ein dreistöckiges Haus. Eine Etage für seine Kinder, eine für sein Eheleben und die kleinste Etage in der Mitte für seine persönliche Nutzung. Ich erinnere mich an die teure aber nicht prahlerische Möblierung seines Empfangszimmer, wo ich vor Kurzem von seinen zwei charmanten Söhne empfangen worden war, und deren Stolz auf ihn ich gerne festhalte zu seiner und ihrer Ehre. Die Chesterfield Suite war ausgestattes mit Moebeln mit eingelegtem grünem Leder, die Ecken mit traditionellen Mustern in Gold gefasst, was einen gemuetlichen Hintergrund abgab. Ich fühlte mich wie inthronisiert und nicht nur einfach sitzend mitten in etwas, das wie ein kaiserlicher Dekor aussah. Hier hatte FM Pibul von neuer Größe geträumt,  Hitler und Mussolini hatten seine Vorstellungskraft beflügelt, und ganz in der Nähe gaben die Japaner ein Beispiel von dynamischem Nationalismus zum Besten.

Er baute eine Jugendbewegung auf und gestaltete sie nach der Hitlerjugend voller aggressiven patriotischen Fiebers. Er änderte den Namen von Siam in Thailand um und erlaubte eine Propaganda für eine so genannte Pan-Thailändische Bewegung, die dazu gedacht war, die umliegenden französischen und britischen Territorien zu besetzen, die früher einmal zu Siam gehörten. Er wollte der Führer von ganz Südostasien werden.

Man vermutet von FM Pibul immer, dass er von Ambitionen angetrieben wurde, oder vielleicht dass sie ihn überwältigten als er sie nicht suchte. Deshalb war seine Absicht, der Führer zu sein, zu Beginn nicht offensichtlich. Als der Krieg in Europa ausbrach, erklärte er Thailand für neutral. Er unterzeichnete sogar Nichtangriffspakte mit Frankreich, Großbritannien und Japan.

Das war im Juni 1940. Aber der Fall Frankreichs war eine zu große Verführung. Drei Monate später ließ er seine Armee, die Marine und die Luftwaffe auf das von Frankreich besetzte Kambodscha los. Frankreichs bösartiges Verhalten in den Verhandlungen {der Vergangenheit} mit Siam rechtfertigten fast FM Pibuls aasgeieriges Verhalten. Jedenfalls schien es ein großer Erfolg zu sein, da Japan darauf bestand zu “vermitteln” und Thailand einen Teil von Kambodscha zusprach. FM Pibul erlebte die zu Kopf steigende Furore, die einen Führer umgibt, als die öffentliche Begeisterung überschäumte, ein angeblicher westlicher Spionagering gesprengt, die Armee zu einer Triumphparade nach Bangkok geschickt, das abscheuliche Siegesmonument auf einem Kreisverkehr errichtet wurde, und er sich selbst zum Feldmarschall ernannte.

Aber Japans Freundlichkeit kannte nun keine Grenzen: Nippon wollte Siam nun wirtschaftlich aufs engste einbinden. Wieder erklärte FM Pibul die Neutralität seines Landes, und er behauptete, er hätte 1 Million Soldaten unter Waffen, um sie zu verteidigen. Pridi drängte ihn noch weiter zu gehen und ein Gesetz zu verabschieden, das jeden Thailänder verpflichtete egal ob in der Heimat oder im Ausland, die Unabhängigkeit seines Landes mit seinem Leben zu verteidigen. Er begründete dies mit der Entmutigung jedes potentiellen Aggressors durch eine so entschlossene Tat. Pibul aber, der nur das Privileg der Macht behalten wollte mit der geringst möglichen Störung anderer, war einverstanden. Schließlich konnte er jederzeit das Gesetz wieder ändern, wenn es denn notwendig sein sollte. Aber nach Pridi markierte dieses Gesetz einen absoluten Punkt ohne Rückkehr, nachdem er so viel stillschweigend hingenommen oder geschwiegen hatte zu den lauthalsigen Überraschungen und leeren Versprechungen von 1932.

(1) Prinz Rangit war der Berater der Königinmutter, und der adoptierte Sohn von Königin Sawang. Er wurde zum Tode verurteilt und entkam angeblich nur der Vollstreckung, weil Sawang mit einer Abdankung von Ananda gedroht hatte. (Thai Foreign Policy, 1931-1946, Charivat Santaputra, Thammasat University, Bangkok, 1985, S.170 ff.)
Gegen Ende 1939 wurde Rangsits Verurteilung umgewandelt, und er wurde zusammen mit 21 anderen politischen Gefangenen auf einer einsamen Insel gefangen gehalten.

Phibun feierte seinen Sieg als endgültigen Sieg der Revolution gegen die absolutistische Monarchie. Um den Sieg endgültig zu feiern, baute er ein großes Monument für die Verfassung, später Demokratie-Monument genannt. Der Bau des Monuments war zu dieser Zeit äußerst umstritten. Anlieger und Ladenbesitzer, meist Chinesen, wurden aus ihren Häusern und Geschäften vertrieben und hatten nur 60 Tage Zeit, zu räumen. Die Erweiterung der Ratchadamnoen Avenue zur Bildung eines Boulevards erforderte die Zerstörung von hunderten von Schatten spendenden Bäumen, eine ernste Angelegenheit in einer Zeit vor der Einführung der Klimaanlagen.

Wer es ansieht, dem wird schnell die Dominanz der darauf abgebildeten Militärs auffallen, die als Relief sowohl als Beschützer der Demokratie als auch als Personifizierung der Thailänder zu sehen sind. In den Reliefs erscheinen Zivilisten nur als dankbare Bezieher der Gaben der heroischen und gütigen Streitkräfte.

Die Wohnung und noch verbliebenen Besitztümer von König Prajadhipok wurden beschlagnahmt und das Aufstellen seiner Bilder verboten. Sie wurden in den Regierungsbüros durch Bilder von Pibun ausgetauscht (nicht Anandas)!


Deutsche Übersetzung Copyright 2009 Mark Teufel und mit Erlaubnis des weltweiten Rechteinhabers, Freedom Against Censorship Thailand (FACT) http://facthai.wordpress.com



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Kommentare (3)add
thai.fun
...
geschrieben von thai.fun , Juli 10, 2009
Ich mag solche Geschichten. Hoffentlich vergesse nicht zu viel davon! Oder besser doch?
Egal, ich lese diese gerne!
Walter Roth
Bewertungen...............
geschrieben von WR , September 11, 2009
Ich frage mich manchmal, wer bei den bewertungen, hier zum beischpiel, findet das ein Stern angemessen ist.

Ich persönlich finde gerade auch diese beschreibungen, übersetzungen des Buches, sehr interessant.
Sie vermitteln etwas vom Geist und der Athmosphäre die damals in der Schweiz und in Thailand in der Familie Ananda Mahidols herrschte.

Wo kann man solches in seiner Muttersprache sonst lesen, ausser bei ST.

Aber ich kann es mir denken !!!

Leute denen die Argumente fehlen um sie hier in ST offiziell zu vertreten, die können wenigstens nette bewertungen abgeben.

Vielen Dank.

WR


fred
Bewertungen............... geschrieben von Walter Roth , September 11, 2009
geschrieben von Fred , Oktober 30, 2009
Ich war eben ein paar Monate in Europa und habe mir das kürzlich in deutsch erschienene Buch von R. Kruger, "Des Teufels Diskus", in der Uebersetzung von M. Teufel gekauft (epubli GmbH Berlin, ISBN 978-3-86931-126-5). Die bereits in ST angebotenen Teile entsprechen den ersten 70 von 269 Buchseiten, und ich hoffe für alle, dass diese überaus wichtige Studie hier noch weiter veröffentlicht werden kann. Vielen Dank schon einmal für das bis bisher Angebotene.
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